Abenteuer Kind

Ich lass‘ Dir Zeit! Die Entwicklung von Kleinkindern begleiten statt sie zu (er)ziehen

Vor Kurzem bin ich auf Susanne Mieraus wundervollem Blog „Geborgen Wachsen“ auf diesen Artikel gestoßen, der mir schlichtweg aus der Seele gesprochen hat. Ein wunderschöner Text über das alleine Ein- und Durchschlafen und wie man sein Kind dabei begleiten kann. Passenderweise hatte ich kurz zuvor eine Diskussion in einem Online-Forum verfolgt, in der es genau um dieses Thema ging. Konkret um ein 1,5-jähriges Kind, das plötzlich nicht mehr wie gewohnt alleine in seinem Bettchen ein- und durchschlief, sondern die Nähe der Mutter brauchte, um zur Ruhe zu kommen. Viele rieten, wie auch ich, dazu, auf dieses Nähebedürfnis einzugehen und darauf zu vertrauen, dass das Kind irgendwann von selbst wieder zu seinem gewohnten Verhalten zurückkehren würde. Aber es gab auch Stimmen, die Worte wie „Manipulation“ und „sich bloß nicht auf der Nase herumtanzen lassen“ in den Mund nahmen und empfahlen, sich dem Willen des Kindes auf keinen Fall zu beugen. Stattdessen sollte die Mutter versuchen, das Kind durch die Gitterstäbe des Bettchens zu beruhigen und es unter keinen Umständen auf den Arm nehmen. Selbst wenn es dabei verzweifelt schrie. Natürlich wäre es auch durchaus in Ordnung, einfach hin und wieder den Raum zu verlassen, damit das Kind spüre, dass diese „Spielchen“ nichts brächten.

Kinder begleitenWoher kommt die Angst vor dem verzogenen Kind?
Ich gebe zu, ich war angesichts dieser Ratschläge, auch wenn sie mich nicht wirklich überraschten, einigermaßen fassungslos. Und fragte mich, in welchem Jahrhundert wir eigentlich leben, dass derartige Empfehlungen immer noch als gängig und kindgerecht erachtet werden. Warum gilt es heutzutage in manchen Kreisen immer noch als Zeichen von Schwäche oder mangelnder Durchsetzungskraft der Eltern, wenn man mit den Bedürfnissen seines Kindes achtsam umgeht und versucht, nach bestem Wissen und Gewissen darauf einzugehen? Woher kommt diese Angst, sein Kind durch so elementare Dinge wie körperliche Nähe und Aufmerksamkeit zu verziehen oder sich gar einen Tyrannen heranzuzüchten?

Vieles regelt sich von selbst. Irgendwann.
Eine wirkliche Antwort habe ich darauf nicht. Aber eigene Erfahrungen, die mich vom Gegenteil überzeugen. Dass (Klein)Kinder nämlich viele Entwicklungsschritte, die wir vielleicht ungeduldig herbeisehnen, ganz von alleine gehen. Und zwar dann, wenn sie dazu bereit sind. Und dies kaum dadurch beschleunigt, manchmal sogar eher erschwert wird, wenn wir versuchen, sie in die von uns gewünschte Richtung zu drängen. Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich meine damit nicht, dem Kind keine Grenzen zu setzen und ihm stets und uneingeschränkt seinen Willen zu lassen. Denn Bedürfnisse und Wünsche sind zwei Paar Schuhe. Und ich meine damit auch nicht, dass die elterlichen Bedürfnisse dabei immer und uneingeschränkt in den Hintergrund zu rücken haben. Letztenendes ist und bliebt es natürlich ein Balanceakt zwischen den Bedürfnissen aller Familienmitglieder. Und ich kann hier auch nur meine eigenen Erfahrungen und die meines Umfeldes wiedergeben. Aber gerade bei solch elementaren Themen wie Schlafen und Essen habe ich erlebt, dass alleine die Zeit viele „Probleme“ richtet.

Einschlafbegleitung.jpgSchlaf, Kindlein, schlaf (doch endlich)!
Gerade das (Ein)Schlafen ist ja in vielen Familien mit Babys und kleinen Kindern ein großes Thema. So war es auch bei uns. Schnell mussten wir uns von der Illusion des stundenlang friedlich schlummernden und früh durchschlafenden Neugeborenen verabschieden. Unser Räubermädchen war von Anfang an eine eher unruhige Natur und hatte große Schwierigkeiten herunterzukommen und einzuschlafen. Zu aufregend war die Welt und das Erlebte um sie herum. Bewegung war essentiell für sie, um ins Reich der Träume sinken zu können, und auch körperliche Nähe war für sie verständlicherweise äußerst wichtig. Im Kinderwagen und beim Autofahren schlief sie problemlos ein. Zu Hause half anfangs nur Herumtragen und selbst da brüllte sie sich in den ersten Wochen oft stundenlang die Eindrücke des Tages von der Seele, bevor sie endlich erschöpft einschlief. Wir wussten, dass diese abendlichen Schreistunden völlig normal sind und arrangierten uns damit. Während einer von uns auf der Couch saß und entspannte, so gut das bei dem ohrenbetäubenden Lärm eben ging, trug der andere unseren kleinen Schreihals Runde um Runde durch’s Wohnzimmer. Wenn ich daran zurückdenke, muss ich heute fast ein wenig Schmunzeln. Wir gaben bestimmt ein lustiges Bild ab.

Einschlafstillen? Warum eigentlich nicht!?
Wie das bei Phasen nun einmal so ist, ging auch diese irgendwann vorüber und wir entdeckten das Einschlafstillen für uns. Gemütlich ins Bett gekuschelt, Brust raus, 5 bis 10 Minuten gestillt und zack, schnarchte das Räubermädchen auch schon. Im Vergleich zu vorher war das eine nahezu himmlische Erfahrung. Wenn da nicht immer wieder diese Stimmen in meinem Hinterkopf gewesen wären. Dass „man das doch nicht macht“ und „das Kind jetzt bestimmt für den Rest des Lebens, aber mindestens bis zum Grundschulalter, an der Brust hängen wird“. Obwohl mir mein Bauchgefühl etwas anderes sagte, probierte ich im Alter von ca. 7 Monaten Alternativen aus. Das Resultat: Gebrüll, unruhige Nächte und (noch) wenig(er) Schlaf. Also kehrten wir doch relativ schnell zu unserem gewohnten Ritual zurück – und das fühlte sich gut an.

Monat um Monat stillten wir also in den Schlaf. Bis sich mit knapp zwei Jahren plötzlich eine riesige Entwicklung vollzog. Wir waren inzwischen auf ein größeres Bett umgestiegen, in das ich mich dazulegen konnte, weil das Räubermädchen beim Stillen auf meinem Arm nicht mehr zur Ruhe kam. Einerseits brauchte sie die Nähe noch, andererseits wollte sie mehr Bewegungsfreiheit. Immer öfter kam es nun vor, dass sie nicht mehr während des Stillens einschlief, sondern sich umdrehte, noch ein Weilchen vor sich hin erzählte und dann ganz entspannt in den Schlaf fiel. Manchmal hielt sie meine Hand dabei oder knubbelte an meinem Ohrläppchen herum. Manchmal sollte ich noch etwas singen. Ich war völlig baff, dass mein Kind so etwas konnte! Mein Kind, das man als kleines Baby niemals ohne Gebrüll ins Bett oder überhaupt irgendwo ablegen konnte. Dieses Kind hatte plötzlich gelernt, neben mir mehr oder weniger ruhig dazuliegen und einzuschlafen. Einfach so. Ganz von allein.

Fimoherzen.jpgVertrauen in die kindliche Entwicklung zahlt sich aus
Ähnlich lief es auch mit dem Durchschlafen. Wachte das Räubermädchen im Alter von vier bis neun Monaten noch alle zwei Stunden auf, um zu stillen, waren wir im Alter von 1,5 Jahren bei einer, in seltenen Fällen zwei nächtlichen Unterbrechungen angekommen. Und so plötzlich wie sie gelernt hatte, ohne die Brust einzuschlafen, so plötzlich fing sie auch an durchzuschlafen und stillte sich ab (mehr dazu hier). Natürlich gibt es immer noch Nächte, in denen das Einschlafen etwas schwerer fällt oder in denen sie nachts aufwacht. Aber sie lässt sich immer relativ schnell durch meine oder die Anwesenheit des Papas beruhigen und schläft dann (wieder) ein. Sicher wird es auch noch lange dauern, bis sie alleine in ihrem Zimmer einschläft. Aber das erwarte ich in ihrem Alter auch gar nicht von ihr. Im Gegenteil: Ich genieße diese Kuschelzeit sehr, in der wir noch ein wenig quatschen, schmusen und singen, bevor sie anfängt, leise neben mir zu schnarchen. Weil sie mir vertraut, dass ich für sie da bin und sie auf ihrem Weg begleite. Und ich ihr, dass sie ihren Weg schon machen wird. In ihrem ganz eigenen Tempo.

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