Abenteuer in Deutschland

Chaos statt Entspannung – Wenn der Familienurlaub anders verläuft als geplant

Kennt Ihr das? Ihr freut Euch auf einen entspannten Familienurlaub. Endlich einmal ganz viel Zeit miteinander verbringen, fernab vom durchgetakteten Alltag. Strahlende Kinderaugen beim Anblick von Strand und Meer. Ihr habt Pläne geschmiedet, was Ihr alles zusammen unternehmen wollt und Euch ausgemalt, wie viel Spaß Ihr dabei haben werdet. Und dann kommt alles irgendwie anders. Das Kind hat sich entschlossen, seine Autonomiebestrebungen ausgerechnet jetzt voll und ganz auszuleben. Das Wetter spielt nicht so mit wie erhofft. Und auch sonst läuft einfach nichts nach Plan. So ungefähr lässt sich unser Urlaub auf Rügen, auf den ich mich schon so lange gefreut hatte, zusammenfassen. Zumindest der Anfang.

Rügen_Strand.jpgAm Vorabend: Nach einem Zwischenstopp in der Lüneburger Heide und einer erstaunlich entspannten Autofahrt ohne größere Schreiattacken oder Ausbruchsversuche aus dem Kindersitz erreichen wir unser Ferienhaus auf Rügen. Es sieht genauso aus wie auf den Bildern.  Mit genug Platz für uns alle, einer schönen Terrasse mit Garten drumherum und dem Rügener Bodden in Sichtweite. Wir machen einen ersten Spaziergang ans Wasser. Es ist angenehm warm. Das Räubermädchen buddelt fröhlich im Sand und plantscht vergnügt mit den Füßen im erstaunlich warmen Wasser. Es ist alles so idylisch, so schön! Noch…

7:00 Uhr am nächsten Morgen: Nach einer etwas unruhigen Nacht ist das Räubermädchen schon wach, obwohl sie erst gegen 22 Uhr im Bett war. Der Räuberpapa erbarmt sich und steht mit ihr auf, während ich mich noch einmal umdrehe und wieder eindöse.

8:30 Uhr: Ich erwache einigermaßen ausgeschlafen. Kindergeheul dringt aus dem unteren Stockwerk zu mir herauf und wird immer lauter. „Mama! Aua!“, steht das Räubermädchen aufgelöst in der Tür. Ich ziehe sie zu mir ins Bett und tröste sie.

9 Uhr: Wir sitzen am Frühstückstisch. Das Räubermädchen erleidet im 2-Minuten-Takt einen Nervenzusammenbruch nach dem anderen. Weil nicht genug Butter auf dem Brötchen ist. Und sie doch überhaupt ihr Brötchen selbst schmieren möchte. Weil der Käse nicht an der gewünschten Stelle auf dem Brötchen haften bleibt. Geduldig legte ich den Käse immer wieder an die gewünschte Stelle zurück, während es innerlich in mir zu brodeln anfängt. Brötchen und Käse fliegen auf den Boden und das volle Glas Milch fast noch dazu. Ich stehe kurz davor, nach draußen zu rennen und einen Urschrei von mir zu geben, den die Welt noch nicht gehört hat. Stattdessen versuche ich es mit einem „Ommmmmm“ und ersticke das unangenehme Gefühl im Magen mit einem Marmeladenbrötchen und ganz viel Kaffee.

11 Uhr: In 30 Minuten wollen wir los. Es steht eine Fahrt mit der berühmten Rügener Dampflok, dem „Rasenden Roland“, von Putbus nach Sellin auf dem Programm. Abfahrt 12 Uhr. Weder ich noch das Kind sind fertig angezogen, geschweige denn unsere Sachen gepackt.

11:25 Uhr: 10 weitere Wutanfälle später sind wir einigermaßen abfahrbereit. Doch wo steckt der Räuberpapa? Ich finde ihn im Schlafzimmer. Schlafend! „Was machst Du denn hier?“, blaffe ich ihn an. „Wir müssen doch gleich los!“ „Ich muss mich noch ein bisschen ausruhen“, lautet die Antwort. Aha. Na schön. Es brodelt schon wieder. Aber auf Streiten habe ich keine Lust, nicht gleich am ersten Urlaubstag.

Ferienhaus_Rügen.jpg11:40 Uhr: Nachdem ich die nächste Abfahrtszeit des Zuges recherchiert habe (14 Uhr, mitten zur Mittagsschlafzeit), schnappe ich mir das Räubermädchen, drücke ihr ihre Sandspielsachen in die Hand und gehe mit ihr in den Garten. Das sollte ihre Laune doch bessern. „Komm, wir spielen ein bisschen mit den Steinen“, sage ich. „Uääääääähhhhh“, plärrt es mir entgegen. „Was ist denn los? Warum weinst du denn jetzt?“ „Sand bielen“, schluchzt das Räubermädchen. „Aber hier ist leider kein Sand. Wir können doch auch in den Steinen buddeln“, versuche ich zu beschwichtigen. „Nein, SAAAAAND!“, schallt es mir in der Lautstärke eines Düsenjets entgegen.

13 Uhr: Wir sind endlich am Bahnhof in Putbus angekommen. Die Stunde bis zur Abfahrt des „Rasenden Roland“ wollen wir mit einem kleinen Stadtbummel überbrücken. Da geht ein Platzregen über uns nieder. Also Planänderung. Wir fahren weiter in das berühmte Seebad Binz und nehmen den Zug von dort. Das Räubermädchen ist ohnehin bereits eingeschlafen.

13:45 Uhr: Wir erreichen Binz. Nachdem wir auf dem Weg dorthin in den vermutlich einzigen Stau auf der Insel seit 100 Jahren geraten sind. Wenigstens ist das Räubermädchen nun ausgeschlafen und der Regen ist inzwischen der Sonne gewichen.

14 Uhr: Wir schlendern die Seepromenade entlang, begleitet von kreischenden Möwen und dem Rauschen der Wellen. Für einen kurzen Moment fühlt es sich nach richtiger Urlaubsidylle an. Dem Räuberpapa fällt ein, dass er nun dringend etwas zu Essen braucht. Also verschieben wir unsere Zugfahrt ein weiteres Mal.

Rügen_Essen.jpg15 Uhr: Nach einem halbwegs zwischenfallfreien späten Mittagessen – von den üblichen Tomatensoßenflecken auf meinen frischen Klamotten einmal abgesehen – spazieren wir weiter Richtung Seebrücke. Wir haben noch eine Stunde bis zur Abfahrt des Zuges.

15:30 Uhr: Wir sind immer noch an der Seebrücke und haben noch einen 20-minütigen Fußweg zum Bahnhof vor uns. Es ist also höchste Zeit. Wir versuchen, das Räubermädchen davon zu überzeugen, sich in den Buggy zu setzen. Aber sie will! Heute! Nicht! Sie will an den Strand („SAAAAAAAND!“). Sie will die Leute in der Fußgängerzone beobachten. Sie will jede Treppenstufe auf dem Weg erklimmen. Und die Auslagen der Geschäfte ausräumen. Für einen kurzen Moment spiele ich mit dem Gedanken, diese blöde Zugfahrt einfach abzublasen und hier zu bleiben. Aber nein, wir können uns doch den „Rasenden Roland“ nicht entgehen lassen. DAS Highlight für alle Kinder, die auf Rügen Urlaub machen!

Rasenderroland.jpg.jpg16 Uhr: „Tuuut tuuuuuuuut“ – lautstark und eine riesige Dampfwolke hinter sich herziehend, fährt der „Rasende Roland“ in den Bahnhof Binz ein. Wir haben es doch noch geschafft. Dank der starken Arme des Räuberpapas, der das Räubermädchen den größten Teil des Weges getragen hat. Wir suchen uns ein schönes Plätzchen in einem der Waggons. Inzwischen bin ich so geschafft, dass ich auf der Stelle einschlafen könnte. Den anderen geht es wohl ähnlich. Für ein Weilchen ist es still, während die Wiesen und Felder an uns vorbeiziehen.

16:30 Uhr: Wir sind in Sellin angekommen. Ich stelle fest, dass es bis zum Strand 20 Minuten Fußweg sind. Der Räuberpapa wird ganz bleich und raunzt mich an, warum ich das nicht vorher abgecheckt habe. Wir haben zwei Stunden Zeit bis zur geplanten Rückfahrt. Das sollten wir ja wohl schaffen.

17:30 Uhr: Wir kommen endlich an der „Himmelsleiter“ an, der Treppe am Steilufer von Sellin, die zur Seebrücke und zum Strand hinunterführt. Die Laune des Räubermädchens ist schon wieder unterirdisch. Unsere nicht weniger, um ehrlich zu sein. Mit Mühe und Not konnten wir sie zumindest für ein Stück des Weges dazu bewegen, im Buggy zu fahren. Beim Anblick der Treppe hellt ihre Laune schlagartig auf. Begeistert steigt sie Stufe für Stufe hinab. Unten angekommen, gönnen wir uns erst einmal ein Eis und setzen uns dann noch ein Weilchen an den Strand. Für einen weiteren Moment sind alle zufrieden und entspannt.

18:30 Uhr: Es ist Zeit, wieder Richtung Bahnhof aufzubrechen. Die gute Stimmung hält bis zum oberen Ende der „Himmelsleiter“. Dort wirft sich das Räubermädchen auf den Boden. Sie will noch nicht gehen. Jetzt fängt es auch noch an zu regnen. Ich klaube das weinende Kind vom Boden auf und trage es ein Stück. So weit ich es mit Sechsmonatsbauch noch schaffe. Inzwischen schüttet es richtig. Wir stellen fest, dass wir das Regenverdeck zu Hause vergessen haben. Wenigstens haben wir die Matschhose eingepackt. Die lässt sich das Räubermädchen jetzt freiwillig anziehen und steigt auch ohne Protest in den Buggy. Wenigstens haben wir Regenjacken und Schirme dabei. Trotzdem werden wir ziemlich nass, bis wir am Bahnhof ankommen.

Rügen_Sonnenuntergang.jpg.jpg
22 Uhr: 
Das Räubermädchen ist endlich eingeschlafen. Erschöpft und irgendwie frustriert kuschele ich mich zum Räuberpapa auf die Couch. Er nimmt mich in den Arm und sagt: „Ach komm, so schlimm war es doch eigentlich gar nicht!“ Ich denke kurz nach und beschließe, dass er recht hat. Ja, es war anstrengend! Mehr als das. Und ich hasse es, wenn Dinge nicht so laufen wie geplant. Insbesondere Dinge, die normalerweise mit unserem Kleinkind klappen. Wenn es sich nicht gerade auf einem Höhepunkt der Autonomiephase befindet. Wir beschließen, dass wir die nächsten Tage einfach etwas entspannter angehen. Mit weniger Zeitdruck, einem weniger vollen Plan an Aktivitäten und vor allem mehr Möglichkeiten zum Austoben für das Räubermädchen. So wird es zwar nicht der entspannteste Urlaub, den wir mit Kind hatten. Aber immerhin eine schöne Zeit, an die wir uns – trotz der vielen Wutanfälle – noch gerne erinnern werden.

Habt Ihr auch schon solche chaotischen Urlaubstage erlebt? Wie seid Ihr damit umgegangen? Ich freue mich, von Euch zu hören!

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