Abenteuer Kind

„Stillst Du noch oder lebst Du schon?“ – Ein paar Gedanken zum Stillen im Kleinkindalter

20170203_160323Wir sind zur ersten Vorsorgeuntersuchung bei meiner Frauenärztin. Ich bin in der 8. Woche schwanger und es sieht alles gut aus. „Haben Sie noch Fragen“, blickt die Ärtzin uns erwartungsvoll an, bevor der Termin beendet ist. „Ja, ich hätte da tatsächlich noch eine Frage“, antworte ich. „Mein Mann macht sich ein wenig Sorgen, dass das Baby nicht genug Energie bekommen könnte, weil ich unsere Tochter noch stille.“ Die Ärztin schaut ein wenig irritiert. Dann meint sie knapp: „Ja, damit sollten Sie so langsam mal aufhören.“ Nun bin ich diejenige, die irritiert ist. „Gibt es denn einen medizinischen Grund dafür?“, springt der Räuberpapa ein. „Nein“, sagt sie nur und wünscht uns noch einen schönen Tag.

„Jetzt ist es aber langsam mal gut!“
Dieses Gespräch lag mir zugegebenermaßen noch eine ganze Weile im Magen. Ich ärgerte mich. Weil die Ärztin nicht ihre medizinische Einschätzung abgegeben hatte, sondern ihre persönliche Meinung, um die wir nicht gebeten hatten. Und weil ich zu perplex war, ihr das zu sagen. Irgendwie hat mich dieses Gespräch getriggert. Vermutlich weil ich mich nicht zum ersten Mal mit solchen Kommentaren konfrontiert gesehen habe. Anfangs war es nur meine Schwiegermutter, die immer wieder erstaunt fragte, ob ich denn immer „noch“ stille. Da war das Räubermädchen gerade mal ein paar Monate alt und von der Beikostreife noch meilenweit entfernt. „Du hast ja viel Milch“, fügte sie staunend hinzu, wenn ich ihre Frage bejahte. (Klar, die Nachfrage regelt das Angebot!) Um den ersten Geburtstag herum – die meisten Gleichaltrigen waren schon längst abgestillt oder auf dem besten Weg dahin – häuften sich die Kommentare. Immer öfter bekam ich zu hören, dass es doch jetzt langsam mal gut sei. (Aha, und wer bestimmt das?) Dass das doch nicht gut für die Mutter-Kind-Beziehung sein könne. (What!?) Gerne noch garniert mit Tipps, wie ich das Abstillen am besten angehen könnte. (Wer sagt denn, dass ich das überhaupt will!?)

20150621_142816.jpgMein Kind. Meine Brust
Ich bin immer offen damit umgegangen, dass ich ein Kleinkind, das schon laufen, sprechen und feste Nahrung zu sich nehmen kann, noch stille. Wenn das Thema aufkam. Ich bin damit nicht hausieren gegangen und nach dem ersten Lebensjahr habe ich auch nur noch in unseren eigenen vier Wänden gestillt. Aber ich sah und sehe auch heute noch keinen Grund darin, daraus ein Geheimnis zu machen. Im Gegenteil. Ich möchte eine Lanze dafür brechen, dass auch oder gerade das Stillen über die üblichen paar Monate hinaus etwas Normales, etwas Natürliches ist. Und keineswegs das Resultat einer Gluckenmutter, die ihr Kind nicht loslassen will oder ähnlicher Quatsch. Dass es eben auch Kinder gibt – und das sind sicher gar nicht so wenige – die eben nicht strikt nach Breifahrplan funktionieren und ihre Muttermilch auch noch weit über das Ende des ersten Lebensjahres hinaus benötigen und einfordern. Umso mehr wundere ich mich, auch jetzt im Nachhinein noch, warum Stillen jenseits des ersten Lebensjahres in unserer Gesellschaft mit solch merkwürdigen Augen betrachtet wird. Warum man als  sogenannte langzeitstillende Mutter ein Exot zu sein scheint und warum in aller Welt es überhaupt jemanden stört, wenn ICH MEINEM Kind im stillen Kämmerlein noch die Brust gebe. Umgekehrt aber kaum jemand mit schlauen Tipps daherkommt, wenn ein Zweijähriges zum Einschlafen noch die Flasche bekommt. Warum ist ein Plastiksauger weniger „schlimm“ als eine Brust aus Fleisch und Blut? Warum kann es anderen nicht einfach schnurzpiepegal sein, wie eine Mutter ihr Kind ernährt?

Dabei war das alles gar nicht so geplant…
Wenn ich zurückblicke, muss ich manchmal selbst ein wenig Schmunzeln, dass unsere Stillbeziehung solange anhielt. Denn unser Stillstart war zunächst alles andere als angenehm, zumindest für mich. Obwohl anfangs alles problemlos lief, im wahrsten Sinne des Wortes. Trotz vorzeitigem Kaiserschnitt hatte ich einen Milcheinschuss wie aus dem Buche, die Milch floss in Strömen und das Räubermädchen legte pro Monat rund ein Kilo an Gewicht zu. Dabei saugte sie mir fröhlich auf jeder Seite einen tiefen Riss in die Brustwarze, trotz regelmäßiger Stellungswechsel. Es gab Tage, da wäre ich beim Ansaugen am liebsten vor Schmerzen an die Decke gesprungen und ich blickte ständig angstvoll auf meine Uhr, wann wohl die nächste Fütterung anstünde. Ich sehnte den Beikoststart herbei in der Hoffnung dann weniger und bald gar nicht mehr stillen zu „müssen“. Doch ehe es so weit kam, waren die Risse langsam verheilt und es begann eine wunderbare Stillbeziehung. Das Räubermädchen dachte nicht im Traum daran, ihr geliebtes „Mamam“ (ihre Bezeichnung für’s Stillen) gegen feste Nahrung einzutauschen, auch gegen Ende des 1. Lebensjahres nicht. Ich gebe zu, dass mich das anfangs etwas stresste. Doch mein Kind zeigte mir, dass es alles hatte, was es brauchte. Und das entspannte mich.

20150718_193434.jpgEine ganz besondere Verbindung
Mit einem Jahr kam das Räubermädchen in die Kita. Zu diesem Zeitpunkt stillten wir noch etwa vier- bis fünfmal tagsüber plus nach Bedarf in der Nacht. Dennoch kam sie in der Betreuung prima ohne ihre Milch aus und aß fleißig mit den anderen mit. Auch zu Hause begann sie, nun nennenswerte Portionen zu essen, so dass wir recht schnell nur noch nach der Kita sowie abends und nachts stillten. Das Stillen nach dem Nachhausekommen war für uns beide lange Zeit ein wichtiges Ritual. Sobald wir die Wohnung betraten, fing das Räubermädchen an, sehr vehement nach ihrem „Mamam“ zu jammern. Ich konnte richtig spüren, wie sie sich bis zu diesem Zeitpunkt zusammengerissen hatte, das Bedürfnis nach der Brust nun aber so stark war, dass sie es nicht länger zurückhalten konnte. Sobald sie zu saugen begann, merkte ich, wie sie sich regelrecht in meinen Armen fallen ließ und sich entspannte. Die ultimative Geborgenheit. Für mich waren das auch ganz besondere Momente, die ich sehr genoss. So innig, so vertraut mit meinem Kind zu sein. Und das sind auch die Momente, die ich heute, wo das Abstillen nun einige Wochen zurückliegt, ab und an noch vermisse. Diese ganz einzigartige Verbindung zwischen Mutter und Kind.

Und dann war es auf einmal vorbei
Das Abstillen kam recht plötzlich und für mich ziemlich überraschend. Wobei ich im Nachhinein ganz froh bin, dass ich nicht wusste, dass das letzte Mal Stillen tatsächlich das letzte Mal war. Von wegen Wehmut und so. Das nachmittägliche Stillen hatte sich schon vor einiger Zeit von alleine erledigt. Es wurde einfach nicht mehr gebraucht. Dann entschied das Räubermädchen, dass sie zum Einschlafen lieber eine Milchflasche wollte als meine Brust. Ich vermute, dass die erneute Schwangerschaft hierbei eine große Rolle spielte. Kurz darauf fing sie an, einige Nächte durchzuschlafen, so dass auch der nächtliche Stillstopp entfiel. Und plötzlich realisierte ich, dass wir ganze fünf Tage lang nicht mehr gestillt hatten. Wow, das war einfach so passiert und ich hatte es noch nicht einmal richtig bemerkt! So konnte Abstillen also auch laufen. Ich musste nichts trainieren oder vorenthalten. Das Räubermädchen hatte sich einfach weiterentwickelt und entschieden, dass sie die Brust nicht mehr brauchte. Nach einem Jahr, elf Monaten und 15 Tagen. Wachte sie doch nachts einmal auf, reichte ihr nun der Schnuller und meine Nähe. Etwas das zuvor vollkommen undenkbar gewesen wäre.

Ich bin wirklich froh, in dieser Hinsicht auf die Bedürfnisse meines Kindes geachtet zu haben. Ich hatte nie geplant, fast zwei Jahre zu stillen und es wäre auch völlig ok für mich gewesen, früher aufzuhören. Es ging mir nie darum, mein Kind möglichst lange an der Brust zu halten. Sondern ihm das zu geben, was es brauchte. In allen Lebenslagen. So wie ich es auch weiterhin und auch bei meinem zweiten Kind tun werde.

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4 Kommentare zu „„Stillst Du noch oder lebst Du schon?“ – Ein paar Gedanken zum Stillen im Kleinkindalter

  1. Danke für den tollen Artikel, nachdem ich meine große aufgrund einer Erkrankung und schlechter Beratung mit 4 1/2 Monaten von jetzt auf gleich Abstillen musste.. habe ich mir bei der Kleinen vorgenommen so lange zu Stillen bis wir Beide so weit sind los zu lassen. Nun ist Sie knapp 11 Monate. Isst eine Mischung aus Brei, Fingerfood und Milch. Und je nachdem trinkt Sie häufiger oder seltener. Ich bin gespannt wie lange wir Beide das noch machen werden. Dein Artikel hat mir Mut gemacht … Mut darauf zu vertrauen das Sie alleine immer weniger gestillt werden möchte. Danke.

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    1. Oh, das freut mich! Das hört man ja leider öfter, dass zum Abstillen geraten wird, obwohl es auch anders ginge. Umso mehr wünsche ich Dir und Deiner Tochter eine schöne restliche Stillzeit.

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