Familienalltag

Der Kita-Heimweg – eine Übung in Entschleunigung

20170105_152611Geht es Euch berufstätigen Müttern eigentlich auch so, dass der erste Teil Eures Tages hauptsächlich von Zeitdruck und Stress geprägt ist? Ich versuche den Morgen, bevor wir in die Kita aufbrechen, möglichst entspannt zu gestalten. Das gelingt mal besser, mal schlechter. Und endet doch meistens darin, dass die Uhr wieder einmal überlaut tickt, weil das Kind fünf Minuten vor Aufbruch weder seinen Pulli angezogen hat noch mit geputzten Zähnen und gekämmten Haaren glänzt. Also heißt es schnell, schnell, trotzdem irgendwie pünktlich aus dem Haus kommen – zur Not auch mit dem Kind im Schlafanzugoberteil. Rechtzeitig in der Kita auftauchen, bevor sich die Türen schließen. Dann schnell weiter zur S-Bahn, die hoffentlich nicht wieder von einer Störung lahmgelegt wird. Gerade noch rechtzeitig im Büro aufkreuzen, um sich vor dem Kunden-Call einen Kaffee zu holen und wenigstens einmal vom Nutella-Brot abzubeißen. Nach dem viel zu langen Call irgendwie versuchen, den Zeitplan wieder aufzuholen und zwischen weiteren Telefonaten und internen Meetings irgendwie seine To Dos abzuarbeiten. Schwupps, sind fünf Stunden um, also schnell die Sachen zusammengepackt und wieder ab Richtung Kita.

picmonkey-collageIn der Kinderwelt ticken die Uhren anders
Der Moment, an dem sich die Schiebetüren unseres Bürogebäudes hinter mir schließen, ist derjenige, an dem ich mich meistens zwinge, erst einmal tief durchzuatmen. Den Zwang, sofort weiterzuhetzen, um möglichst schnell den Bahnhof und damit die S-Bahn zu erreichen, zu unterdrücken. Bewusst ein bisschen langsamer zu gehen und den Hetz-Modus hinter mir zu lassen. Denn mal ehrlich, ob ich nun 5 oder 10 Minuten früher an der Kita bin, macht nun auch keinen Unterschied. Ich merke, wie meine Schritte lockerer werden, wie der ganze Druck des bisherigen Tages langsam von meinen Schultern abblättert. Und sobald ich meinen Fuß in die Kita setze, in der noch der Duft vom Mittagessen und verschwitzten Kindern hängt, betrete ich eine andere Zeitdimension. Hier ticken die Uhren merklich langsamer und ich genieße jedes Mal das Gefühl, dass es völlig egal ist, ob das Räubermädchen noch Lust hat, eine Runde Parcours im Bewegungsraum zu drehen, ob sie erst den anderen Kindern beim Anziehen zuschauen möchte, bevor sie sich selbst anzieht oder ob sie erst einmal eine Runde Knuddeln möchte. Die meisten Nachmittage sind für uns ein völlig weißes Blatt, das wir nach Herzenslust gestalten können. Ok, ein bisschen Hausarbeit versuche ich hier und da unterzubringen. Aber eher nach dem Motto: Alles kann, nichts muss.

picmonkey-collage2Was man auf einem alltäglichen Weg so alles erleben kann
Jetzt, wo wir in der kalten Jahreszeit nicht mehr mit dem Rad, sondern zu Fuß unterwegs sind, ist der Heimweg von der Kita zu einem regelrechten Ritual in Sachen Entschleunigung für mich geworden. Hier kann ich mich voll und ganz auf das Räubermädchen, ihr Tempo und ihren Entdeckerdrang einlassen. Es ist völlig egal, ob wir für den eigentlich zehnminütigen Nachhauseweg 30 Minuten oder 2 Stunden brauchen. Und ich bin immer wieder erstaunt, was wir auf unserem eigentlich nicht sonderlich spektakulären Weg durch ein nicht sonderlich schönes Wohngebiet so alles entdecken und erleben. Mich ganz auf diesen kindlichen Blick auf die Welt einzulassen, ist Stressabbau pur.

In den letzten Wochen hat das Räubermädchen unter anderem zum ersten Mal in ihrem Leben eine Eispfütze entdeckt und getestet, wie sich ihr Schuh auf der rutschigen Fläche verhält. Sie hat Moos auf der Mauer an der alten Fabrikhalle, an der wir immer vorbeikommen, gefunden und liebevoll gestreichelt. Sie hat jedes Loch im Gehweg mit Aufmerksamkeit und einem lauten „Loch!“ bedacht. Wir haben beobachtet, wie sich Tauben über Brotkrumen, die jemand für sie ausgestreut hatte, hergemacht haben. In einem Baum haben wir ein verlassenes Vogelnest entdeckt. Das Räubermädchen ist auf Mäuerchen gelaufen und hat mir am Wasserbecken in unserem Wohngebiet gezeigt, dass sie nun schon ganz alleine Treppenstufen hinauf- und hinuntergehen kann. Dort haben wir auch Eisbrocken auf die zugefrorene Wasserdecke geworfen und beobachtet wie sie davonschlitterten. Außerdem haben wir Schwäne und einen Kran bei seiner Arbeit beobachtet. Und das alles auf einer Wegstrecke, die ich ohne Kind in Windeseile und in meine eigenen Gedanken versunken hinter mich bringen würde. Wenn wir dann schließlich zu Hause ankommen, fühle ich mich zwar nicht tiefenentspannt, aber doch deutlich relaxter. Und noch dazu glücklich über die schönen Momente, die das Räubermädchen und ich an diesem Tag gemeinsam genossen haben.

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